Ein toter Hengst, ein Hufabdruck, ein Date und definitiv kein Pferdemädchen

Auf der Wiese hinterm Haus lag am Wochenende ein toter Hengst. Am Freitag ist er nach 26 Menschenjahren gestorben. Es heißt, die Hitze sei zuviel für ihn gewesen. Mit ein paar abgeschnitten Zweigen konnte ich dazu beitragen, dass sein Kadaver bis zum Abtransport am Montag etwas geschützter dalag. Ab Samstagnachmittag haben sich die Leute aus der Nachbarschaft über seltsame Gerüche beschwert. Die nahm ich gar nicht wahr – und musste doch sehr oft an diesen ungewöhnlichen Hügel hinterm Haus denken und war weniger im Garten als dem Wetter angemessen. Und dieses tote Pferd ist vermutlich Schuld, dass ich auf die Pferdemädchen-Blogparade, die durch meinen RSS-Reader trabt, aufspringe. Sie berührte mich unangenehm, seit ich sie wahrnahm. Ich wollte nicht drüber nachdenken. Jetzt schreib ich es doch auf.

Höre ich “Pferdemädchen”, denke ich an die schönen und reichen Vertreterinnen dieser Gattung aus den 1980er-Jahren, die für meineeine höchstens Ignoranz übrig hatten. Und, nun ja: Ich habe Angst vor diesen großen Tieren, auf denen diese Mädchen unterwegs waren und sind. Die rührt wahrscheinlich von dem Jungen aus Kindertagen her, der in meiner Straße wohnte. Der hatte einen Pferdetritt abgekommen und so eine Art Hufeisenabdruck auf der Stirn. Das war nicht schön. Ob der Junge deswegen außerdem so eine seltsame Mischung aus Aggressivität und Traurigkeit an den Tag legte?
Meine realen Reiterfahrungen, die es trotzdem gab, waren ernüchternd. Da war zum Beispiel die Gastgeberin in Italien, die uns Kindern was Gutes tun wollte. Das einzige, woran ich mich erinnere: dass ich die Anstrengungen, überhaupt auf dieses kleine Pferd raufzukommen, unendlich peinlich fand.

Also: Pferdemädchen und ich, das war nie was. Ich gehörte nicht zu den Puppen, die das sonst so machten und was besseres waren. Ich war zu unsportlich, überhaupt drauf zu kommen. Und ich sah immer diese Stirn vor mir. Ende des Themas.
Hätte ich es nicht selber ohne Not als Mittdreißigerrin nochmal aufgegriffen, als ich mich ausgerechnet in den Mann anfänglich verliebte, der mit leuchtenden Augen von seiner Reitbeteiligung erzählt hatte. Er war schließlich aus anderen Gründen nicht uninteressant und hatte einen guten Humor und schöne Hände. Und unterschiedliche Hobbys (er geht in den Stall, sie in die Kirche) müssen für gute Beziehungen ja nicht hinderlich sein. Theoretisch. Denn als er mir an einem Samstag sein Teilzeitpferd vorstellte und ich todesmutig mit den beiden 45 Minuten spazieren gegangen bin, wusste ich, dass mir das Hobby des anderen zumindest egal sein, mich jedenfalls nicht in kalten Schweiß treiben sollte. Wir haben uns nach diesem Samstag jedenfalls nie wieder gesehen. Echt: Ein Atheist an meiner Seite ist mir alle mal lieber als ein Pferdemann.
Nix für ungut.

Grüne Cola

Der alte Herr liegt seit 10 Tagen im Bett. Er kann nicht sitzen, er kann nicht stehen, nicht gehen. Warum, weiß keiner so genau. Er selbst kündigt öfters an, gleich eine Runde um die vier Ecken zu drehen. Und erzählt, dass es ihm gut geht. Er klagt nicht über die Schmerzen, die ihn eigentlich quälen müssten. Er ist geistig hellwach wenn Leute zu Besuch kommen und möglicherweise noch ein Thema mitbringen, das er liebt. Die Tour de France, New York, oder alte Freunde rund um den Globus.
Ansererseits weiß er nicht mehr, wo er ist. “Der Bettgalgen ist ne tolle Sache. Ich muss mal fragen, ob ich davon auch einen für Zuhause kaufen kann.” “Wo haste den Bettgalgen nochmal her, Sohn? Ich würd auch noch gerne einen für unten haben, mein richtiges Zimmer.” “Wie hast du den Weg nach hier auf die Insel geschafft? Mit der Fähre?” “Ich würd mal gern wissen, wie die Bilder hier an die Wand kommen. Ich soll die aufgehangen haben? Ja, doch. Aber doch nicht hier!” “Dass die hier genau so einen Baum haben wie Zuhause. Das ist ein Ding.” “Die wollten mir gestern einreden, ich wär nicht Zuhause, sondern in Brüssel oder Straßburg. Das war unverschämt.”
Wenn er dann zwischendurch philosophisch wird (“Ich frage mich, was das eigentlich heißt, ‘Zuhause'”) will ich mit ihm darüber sinnieren und Abbitte leisten, dass ich ihn für verwirrt halte. Doch kurz darauf fängt er wieder an zu schimpfen, dass man ihn über seinen Aufenthaltsort im Unklaren lasse.

Merkwürdigerweise ist diese ganze Situation für mich nicht abgründig schrecklich, sondern sehr schnell sowas wie normal. Noch (?) kann ich mit ihm klar kommunzieren. Er weiß, wer ich bin – und ergänzt seine Frage nach den Enkelkindern, die er doch von mir gar nicht hat, sofort mit einem Grinsen. Will sagen: Hier und da merkt er, dass er auf ein falsches Gleis geraten ist. Und er verblüfft kurz darauf mit Detailwissen über das Sterben des anderen Vaters vom Anfang letzten Jahres.
Klar: Anders wäre besser. Ich hab tolle Bilder im Kopf mit einem geistig wachen und nochmal in ein MoMa zu transportierenden Vater. Es greift mich an und beansprucht mich, ihn so hilflos zu sehen. Sehr. Aber ich stelle gleichzeitig fest, dass ich es nehme, wie es ist. Dass das Leben ist.

Dass es noch spaßig mit ihm werden kann, in der Zeit, in der er – wenn nicht ein Wunder passiert – in der Demenz verschwindet, steht allerdings auch fest. Verwirrt ist nicht verwirrt.
So sprach der alte Herr plötzlich sehr überzeugt darüber, dass ein global bekanntes Erfrischungsgetränk seine Farbe wechsle. “Ja, Vater, ist das so? Das ist ja was,” sagte ich. Und dachte: “Okay, er denkt, er wär in Brüssel. Aber abstruse Details zu Getränken, die er nicht trinkt, setzen da jetzt doch noch einen drauf…”
…bis wir kurze Zeit später die Neue Zürcher Zeitung von seinem Nachttisch mitnahmen, die uns ungelesen erschien. Und dort lasen wir auf der dritten Seite:

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Junisplitter

Die Zeit fliegt, ich nicht.
Die jungen Meisen sind entzückend.
Die Vögel fressen wie Harry.
Die Katzen haben noch keinen Vogel erwischt.
Das Unwetter brachte mich aus der Fassung.
Vierundvierzig ist super.
Die Vierundvierzig ist Teil eines grandiosen Fitnessprogramms.
Der Huflattich durfte in die Vase.
Die neueste Lektion in Sachen Liebe schmerzt sich durch.
Die Erdbeeren sind wunderwunderwunderbar.
Die eigenen Kirschen schmecken wässrig.
Das Leben meines Vaters nimmt Fahrt auf.

rechnen

der max wird morgen 26.
26?
26.
der ist doch 1967 geboren.
ja. 7+3 und dann bis 3 ist doch 6. also 26.
aber wir haben 2013. fehlen da nicht ein paar zehner?
weiß ich nicht. das kann ich nicht mehr.

einer der allerbesten kopfrechner verabschiedet sich. mit 62, pardon: 82

21.22/2013

gereist
zum dritten mal mit der seit jahren eingespielten reisegruppe. eine woche. auf die sogenannte und tatsächlich grüne insel.
und in neuer konstellation zu viert vier tage nach südengland.

gesehen
das meer, das meer.

gegessen
regionale spezialitäten. und hervorragendes im ehemaligen wild garlic in kenmare.

getrunken
regional gebrautes. stout. ale. und in england: cider.

gefeiert
zwei jahre dieser ring an meiner rechten hand. der nach wie vor nicht mit dem anderen ring zur kette geschmiedet ist.

gehört
brandung. schafe.

geklickt & geweint
bei dieser sequenz mit patrick stewart über häusliche gewalt. und den hintergrund mancher täterInnen (hier: sein vater). und die begegnung mit der fragestellerin.

genossen
vier tage mit meiner mutter, ohne dass es auch nur *einen* redebeitrag von ihr zu meinem körper, meinem essen, möglichen diättipps etc. gab. halleluja.
ihre freude, erstmalig festlandeuropa verlassen zu haben.
stille einverständnisse mit dem mann.

gelitten
an den wenigen tagen zuhause ohne internet. ich will nicht mehr ohne sein!

gemacht
das erste konferenztelefonat. mit den besten brüdern der welt.

gefreut
auf den großen urlaub im spätsommer

Brandung

In einer Grasmulde über dem Strand liegen. Der Brandung zuhören. Den kalten Wind nur ahnen, der über uns hinweg aufs Meer drängt. Der Sonne danken, dass sie sich gegen ihn durchsetzt. Nichts sagen. Trotzdem nicht still sein.
Nicht wissen, was die Zukunft bringt. Nichts währt ewig. Und es gibt mehr als Welle und Strand. Bleib mit mir, jetzt und hier. Immer jetzt und hier.

ausflug

Da wird das Wetter ansatzweise schön, da acker ich eine halben Tag im Garten, da überlass ich Haus und Hof sich selbst und die Katzen den Nachbarn, da pack ich den Koffer und flieg in ein anderes Grün.